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Einmal - es war schon hoch im
Norden - hatten wir viele Büffel erbeutet. Mehrere Wochen lang
waren wir beschäftigt, das Fleisch und die Büffelfelle zu
trocknen und Pemikan für den Winter zuzubereiten. Unsere Männer
nahmen die besten Stücke des Fleisches, die Brüste, und verteilten
sie unter die alten Leute, wie es in jenen Tagen Brauch war. Unsere
beliebteste Speise war damals Büffelhirn und Nieren, wir machten
ein Festessen daraus. Das meiste Fleisch verzehrten wir roh; wenn wir
es brieten, so hielten wir es nur am Ende eines Stockes über das
Feuer.
Immer wenn wir viel frisches Büffelfleisch gegessen hatten; kam
uns ein Verlangen nach Saskatunbeeren - unser einziges Obst - oder wilden
Rüben - fast das einzige Gemüse, das wir kannten - ; manchmal
fanden wir noch auf der inneren Hochebene des nördlichen Felsengebirges
wilde Kartoffeln von der Größe einer Nuß. Wenn wir
im Sommer auf der Prärie waren, zu weit entfernt von den Büschen,
wo die Saskatunbeere wuchs, schickten uns die Mütter auf die Suche
nach wilden Rüben. Die fanden wir am leichtesten in den Mäusenestern.
Wir gingen mit einem langen Stock über die Prärie und klopften
im Gehen auf die Erde. Wo es hohl klang, gruben wir fünf bis zehn
Zentimeter tief und fanden dort das Nest einer Feldmaus voll wilder
Rüben, alle geschält und fertig zum Essen. Wir nahmen oft
einen ganzen Eimer voll aus einem einzigen Nest. Die Mäuse waren
äußerst saubere kleine Tiere, und da sie nie in dem Teil
des Nestes lebten, wo sie ihre Nahrung aufbewahrten, so waren die kleinen
Rüben so sauber und nett verpackt, als hätte sie irgendein
sorgfältiger Mensch dahin getan.
Nachdem wir mehrere Wochen in
diesem Lager zugebracht hatten, holten eines abends unsere Väter
ihre "Zeitstöcke" - Kalender - hervor und verglichen
sie miteinander, um zu bestimmen, "in welcher 'Sonne' und welchen
'Monde' wir lebten"; denn zu einer bestimmten "Sonne"
mußten wir nach Norden aufbrechen, um zu dem großen jährlichen
Sonnentanz aller Schwarzfuß-Banden mit den Siksikau-Schwarzfüßen
zusammenzutreffen.
Wir nannten einen Tag eine "Sonne", und einen Monat einen
"Mond" und ein Jahr eine "große Sonne". Unsere
Väter hatten lange Stöcke, auf denen sie den Kalender führten.
Jeder Tag wurde auf diesen Stöcken eingekerbt, am Anfang jeden
Mondes wurde eine andere kerbe geschnitten, um den Monat zu kennzeichnen;
jeder der zwölf Monate oder zwölf Mondzeiten hatte ein anders
Zeichen, an dem er zu erkennen war. Am Ende des Jahres wurde ein neuer
Kerbschnitt erfunden, je nach dem Namen , den wir dem Jahre gaben. Das
Jahr erhielt seinem Namen nach irgendeinem wichtigen Ereignis, das es
gebracht hatte; war nichts wichtiges Geschehen in der Vergangenheit.
Wochen gab es nicht.
Der "Zeitrat" beschloß, daß wir nach vier "Sonnen"
unsere Wanderung nordwärts aufzunehmen hätten, um die Siksikau
beizeiten für den Sonnentanz, der immer in der ersten Hälfte
des Augustes abgehalten wird, zu erreichen.
Wir zogen viele Tage nordostwärts. Dann, eines Tages, als wir an
einem Flusse, dem Namaka, entlang ritten, sahen wir vor uns das große
Lager des Sonnentanzes in wunderschönem Farbenbilde ausgebreitet,
hoch auf der weiten, sonnigen Fläche der berühmten Talgebenen,
wo seit undenklichen Zeiten die Schwarzfüße ihre Jünglinge
die furchtbaren Qualen des "Kriegerwerdens" bestehen lassen.
Das gewaltige Lager vor uns
war etwa drei Kilometer lang. Hunderte von schön bemalten Zelten
standen in einem großen Kreis, der in der Mitte ein weites, rundes
Feld offen ließ, wo alle Tänze stattfinden sollten. In der
Mitte diese Feldes sahen wir schon das Gerüst des Sonnentanz-Zeltes
stehen; das sollte am Tanztage ringsum mit Tannenzweigen zugebaut werden,
nur nach oben blieb es offen, damit Natose, die Sonne, herabschauen
könne auf "die Seinen".
Während wir nach dem Lager des Sonnentanzes, wie es dort in der
hellen Sonne des Nordens lag, hinübersahen, sprangen unsere Knabenherzen
in Erwartung der vielen Freuden, die wir nun erleben würden. Es
würde Hunderte von Buben geben aus all den Schwarzfuß-Banden
und auch aus befreundeten Stämmen, die sich alljährlich am
Außenrande des Sonnentanz-Lagers ansiedelten, um diese sehenswürdige
Feier der Schwarzfüße mitzumachen.
Wir zogen nun durch Hunderte, wirklich Hunderte von schlanken, wildäugigen
Indianerpferden, die rings um das Lager auf der offenen Prärie
frei grasten, manche mit zusammengebundenen Vorderfüßen.
Wenn sie uns kommen sahen,wieherten sie, warfen die Hinterhufe hoch
in die Luft, liefen her zu uns und taten spielend, als wollten sie nach
uns ausschlagen. Dann tänzelten sie steifbeinig mit hochgehobenem
Schweif und Kopf im Kreis umher und führten so ihre wilde Schönheit
stolz den Fremden vor. Sie benahmen sich ganz wie Kinder und freuten
sich, uns zu sehen. Wir Buben begannen schon jetzt diejenigen Pferde
auszusuchen, die wir gegen die unsrigen eintauschen wollten.
Als uns das große Lager aus der ferne kommen sah, sprangen manche
Krieger auf die Pferdeund ritten heraus, uns zu begrüßen.
"Hei, hei, hei, hei, hei!" riefen sie, während sie heranritten
- das hieß, sie freuten sich sehr über unser Kommen. Sie
führten uns an die Stelle, die für unser Lager offengelassen
worden war. Nachdem wir dort angelangt waren und die Pferde freigelassen
hatten, verließen wir Buben rasch unsere Eltern und mischten uns
in das lustige Treiben der Kinder, die durch das große Lager schwärmten
wie Vögel auf einem Beerenstrauch.
Wir fragten die Siksikau-Knaben,
ob ihre Bande irgendwelche kämpfe gehabt hätte, seit wir uns
gesehen hatten, und sie sagten: "Ja, einen." Sie fragten uns
nach unseren Erlebnissen, und wir erzählten von einem Kampf mit
den Krähen, und wie unsere Väter uns erlaubt hatten, bis an
das Lager mit ihnen heranzuschleichen; auch wie sie uns auf die Büffeljagd
mitgenommen hatten. Die Siksikau-Knaben sagten, ihr Häuptling würde
ihnen so etwas nicht erlauben. Sie beneideten uns, manche von ihnen
sagten, sie würden davonlaufen und mit uns gehen, wenn wir wieder
aufbrächen. Sie sagten auch, es kämen weiße Menschen
in ihr Land, die hätten eine Frau als Häuptling, die sie die
"Große weiße Mutter" nannten; und diese Leute
unter dem "Frauenhäuptling" hätten die Indianer
überredet, nicht mehr zu kämpfen. Der oberste Häuptling
meinte, dies sei gut für die Indianer, - so sagten die Knaben,
- aber die Krieger mochten es nicht. Sie fragten uns über den Krähenkampf.
Nachdem wir die Geschichte erzählt hatten, beschlossen sie, "nach
dem Muster diese Kampfes einen großen Spielkampf mit uns auszuführen."
Zwei Wochen lang gab es Wettkämpfe in Kraft und Geschicklichkeit,
wir spielten unsere Kriegsspiele und tauschten Pferde aus. Während
der ganzen zeit führten unsere Väter die verschiedenen Tänze
auf, die dem großen Sonnentanze vorausgehen. Das Tamtam schlug
zu jeder Stunde des Tages. Die Männer sammelten sich in Gruppen,
die an verschiedenen Stellen im Lager die Tänze ihrer "geheimen
Verbände" abhielten.
Nachts gingen Krieger zu zweien in eine Decke gehüllt, die Arme
um die Schultern geschlungen, hinaus auf die dunkle Prärie und
sangen die klagende Weise des Sonnentanz-Liedes. Sie waren "Blutsbrüder"
und beteten füreinander. Jeder Indianerkrieger hat einen "Blutsbruder",
dem er sich anschließt, während er noch jung ist. Diese Brüder
halten ihr Leben lang zusammen, auf dem Kriegspfad und im Lager; beide
sind zu jeder zeit bereit, das Leben für den anderen zu opfern.
Zwischen ihnen gibt es keine Geheimnisse, sie stehen sich viel näher
als wirkliche Brüder. Diese "Blutsbrüderschaft"
ist wohl das edelste, uneigennützigste, aufopfernste und reinste
Verhältnis, das je zwischen Menschen bestanden hat.
"Heh-h-h, heh-h-h, heh,
hei, ho, hei-h-h!" Durch die ganze lange Sternennacht dringt die
klagende Weise von weit außen auf der Prärie an unser Ohr
- das Lied des Sonnentanzes. Wir Kinder schlafen wenig in diesen Nächten;
denn überall im Lager gehen geheimnisvolle heilige Handlungen vor
sich. Einige der feierlichen Verrichtungen, die dem Sonnentanze vorangehen,
dürfen nur nach Mitternacht ausgeführt werden, wie zum Beispiel
das "Richten" der großen Saam Okuuinuns - der Zauberpfeifen
- große pfeifen, die wie Leichname in viele hüllen eingewickelt
und seit mehr als vierhundert Jahren nicht dem Tageslicht ausgesetzt
worden waren. Wenn die Pfeife einem neuen Hüter auf ein Jahr anvertraut
werden soll, so schleicht der Zaubermann mit seinem Gehilfen zu dem
Betreffenden, während dieser schläft; sie tragen ihn schlafend
aus seinem Zelt in ein geheimes Zauberzelt, wo die uralte Pfeife ausgewickelt
und geraucht und ihm dann auf ein Jahr zur Verwahrung übergeben
wird. Glücklich der, dem eine dieser geheiligten Pfeifen anvertraut
wird, denn sie soll Glück bringen. -
Während all dieser Nächte hören wir den gedämpften
Schlag von Mokassinfüßen, - die geheimen Gruppen der Krieger
gehen im Dunkeln zu irgendeiner heiligen Handlung. Nie fällt ein
Wort dabei. Manchmal lupften wir Buben die Zeltwand und lugten hinaus;
wir mochten dann sechs dieser hohen, in Decken gehüllten Gestalten
sehen, , wie sie leise durch das dunkle Lager schlichen und zusammen
irgendeinen seltsamen Gegenstand trugen. Der Wind blies leicht durch
die Zelttüre, wir lagen hell wach auf dem Rücken und blickten
durch die runde Öffnung oben im Zelte hinauf zu den Sternen - da
schauerte es uns wohl ein wenig wegen der vielen Geheimnisse, die unser
Leben in jenen Tagen umwoben.
Die letzte Nacht vor dem wirklichen Beginn des Sonnentanzes war uns
die liebste. Das große Lager sprühte von Licht. In jedem
Zelt brannte ein hochflackerndes Feuer. Wenn man eine Strecke hinaus
auf die Prärie ging und nach dem Lager zurücksah, hätte
man meinen können, es ständen mehrere hundert große
farbige Laternen auf der ebene. Innerhalb der zelte ging es laut her.
Überall herrschte Frohsinn. Jeder war glücklich. Es war wie
die Nacht vor des Weißen Mannes Weihnacht.
Der Vater trat in das Zelt und
sagte etwas Freundliches zu der Mutter; dann setzte er sich, um seinen
Sonnentanzschmuck für morgen zu richten; dabei blickte er hinüber
zu uns Kindern und sprach: "Ha! Morgen ist der große Tag.
Niemand schläft heute nacht in diesem Lager. Hah-h-h. Ein großer
Tag, morgen!" Dann, während sein Antlitz von Frohsinn glänzte,
begann er sein Zauberlied zu singen und legte dabei seinen Schmuck an;
die Mutter flickte ihm dies und das und machte das Hirschleder mit Bimsstein
weiß.
Wir Kinder blieben wach, solange wir es vermochten; endlich sanken wir
doch in Schlaf mit der knatternden Musik des Lagerfeuers noch in den
Ohren. Kaum spähte das erste Tageslicht von oben in das Zelt, so
wurden wir geweckt, und zwar von der schönsten Musik, die ich in
jenen Tagen kannte - mein Vater stimmte leise sein Zauberlied an. Wir
wendeten uns auf dem Lager und sahen, noch immer halb schlafverwirrt,
hinüber, was geschähe; und dort vor dem frisch prasselnden
Morgenfeuer saß der Vater; zupfte noch manchmal an den Hermelinschwänzen
und Stachelschweinkielen und lächelte still heiter vor sich hin.
Ich lag dann gerne eine Weile und schaute unter meiner decke hinüber
zu ihm, jenes Lächeln verließ ihn nie, auch nicht, wenn er
seinen Schmuck hinlegte und die langen Haarflechten drehte. Er war glücklich.
Dann stieg in unsere Nasen der wohlriechende Duft von bratendem Hirschfleisch,
das die Mutter über dem Feuer bereitete. Leise richtete sie manchmal
ein paar Worte an den Vater, und er antwortete ihr in den würdevollen
Kehlkopflauten unserer Sprache, die die seltsame Eigenart besitzt, daß
sie sehr rauh und auch zart verwendet werden kann. Die edle Färbung
von Stimme und Tonfall, mit der mein Vater zu meiner Mutter sprach,
wenn er allein mit ihr war, wird nie aus meiner Erinnerung schwinden.
Nachdem wir langsam mehr und mehr wach wurden und unsere Ohren auch
die ferneren Geräusche aufnahmen, erkannten wir, daß das
ganze Lager von Lärm förmlich schwirrte. Aus jedem Zelt kam
der taktmäßige Klang eines Zauberliedes. In manchen Zelten
hatten sich kleinere Gruppen schon um ein Tamtam gesammelt, auf dem
sie leise trommelten und dazu sangen. Dabei wurde überall im Lager
das Frühstück bereitet.
Aus all diesem Lärm heraus
drang die rauhe, tiefe Bruststimme des "Ausrufers", der die
Runde im Lager machte und die Befehle des Häuptlings und des Zaubermannes
verkündete.
Etwa eine halbe Stunde vor Mittag entstand ein lautes Durcheinander,
dann kamen zwölf junge Krieger zu Pferd in das Lager gestürmt;
sie schleppten hinter sich die frisch geschnittenen Tannen, die bei
einem bestimmten Zeichen des Zaubermannes über das Gerippe des
Sonnentanz-Zeltes gelegt werden sollten. Etwas später kamen zwei
weitere Männer in besonderer Festkleidung mit einem Adlernest in
das Lager gesprengt; das sollte auf der Spitze der Sonnentanz-Stange
befestigt werden.
Genau um Mittag, wenn die Sonne gerade über uns stand, gab der
Zaubermann das Zeichen zum Errichten des Zeltes.
Das war das Freilassen des allgemeinen Ausbruchs. Niemals hat man solchen
Lärm gehört wie das Getöse, das nun die nächste
Viertelstunde lang tobt, bis das Zelt fertig ist. Während ein halbes
hundert Männer eifrigst die Wände aus Tannenbäumen aufbaut,
kommen hundert Krieger schießend und schreiend herangesprengt
und reiten wie wahnsinnig um und um das Zelt. Viele hundert andere verursachen
einen Höllenlärm mit Klappern, Glocken, Pfeifen, Schreien
und Singen. Kinder laufen hin und her, um den fliegenden Pferdehufen
auszuweichen. Unsere Eltern haben uns vollkommen vergessen; sie haben
sich selbst verloren in der Aufregung des einen großen Augenblicks
des ganzen Jahres. Der Geruch von Pulverdampf und Pferdeschweiß
sticht förmlich in die Nasen.
Mitten in diesem Aufruhr kommt
die Sonnentanz-Frau, die in einem besonderen Zelt fünf Tage lang
gefastet hat, hervor und setzt sich neben dem Zaubermann, gerade hinter
dem großen Zelt, das nun mit Windeseile entsteht. Vor diese Frau
treten jene jungen Krieger, die die Qualen des Sonnentanzes bestehen
sollen, und verneigen sich, um sich Gesicht und Handgelenk mit schwarzer
Farbe bemalen zu lassen.
Dann steht plötzlich der Zaubermann auf, läuft in das Zelt
und ergreift das Adlernest. Er tritt an den Fuß der Sonnentanz-Stange,
die noch auf der Erde neben einem tiefen Loche liegt, und malt mit der
Handfläche eine reihe von schwarzen Ringen darum. Wenn er die Spitze
erreicht, zieht er die Manteldecke gänzlich über sich, kauert
nieder und befestigt so - vor allen verborgen - das Nest auf der Stangenspitze.
Dann kommt der letzte Teil der Errichtung des Zeltes: Fünf Krieger
stürzen heran, ergreifen die große Stange, an deren Spitze
der Zaubermann sich noch immer festklammert, und stellen sie aufrecht
in das Loch. Der Zaubermann schwebt nun etwa fünf Meter über
der Erde; sollte er herabfallen, so wäre das das Zeichen, daß
die Sonne nicht gnädig auf den Tanz sähe, und alle Feierlichkeiten
müßten sogleich abgebrochen werden. Aber wir sahen nie, daß
das geschah.
Nun kommt der spannende Teil des Sonnentanzes. Alle Jünglinge,
die "Krieger" werden wollen, treten in das Zelt, nackt bis
auf den Lendenschurz. Der Zaubermann läßt sich von seiner
gefährlichen Stelle an der Spitze der Stange herabfallen, geht
zu seinen Zaubergeräten und nimmt ein langes, scharfes Messer und
etwa hundert Meter rohlederne Riemen. Er stellt sich neben dem kleinen
Zauberfeuer auf, und die jungen Männer knien einer nach dem anderen
vor ihm hin.
Der Zaubermann stößt
das scharfe Messer in die linke Brust des Mannes, der vor ihm kniet,
und macht einen langen tiefen Schnitt. Dann zieht er es heraus und macht
einen zweiten Schnitt etwa fünf Zentimeter von dem ersten entfernt.
Nun fährt er mit dem Messer unter das Fleisch zwischen diesen zwei
Schnitten, und während er den Finger in die verbindende Öffnung
hält, greift er mit der anderen Hand nach einem starken Lederriemen
von etwa einem Meter Länge und zieht diesen durch das Loch. Er
bindet einen festen Knoten über das Fleisch und macht dann auf
der rechten Brust die gleichen Schnitte, dort bindet er das andere Ende
des Riemens fest. Wenn dies geschehen ist, hat der Jüngling - der
noch keinen Laut von sich gab - einen Lederriemen an beiden Enden in
seiner Brust "eingenäht". Der Zaubermann nimmt nun einen
stärkeren Riemen, viele Meter lang, und bindet das eine Ende an
den Riemen in der Brust des Mannes, das andere an die Sonnentanz-Stange.
Und jetzt beginnt der, der sich in den Stand des Kriegers erheben will,
seinen Tanz. Er steht auf und wirbelt sich um die hohe Stange, - dabei
tritt schon der nächste heran und kniet vor dem Zaubermanne hin.
Die Trommeln dröhnen zu dem Singen des Sonnentanz-Liedes, und der
Jüngling tanzt und zerrt an dem langen Riemen, um das Fleisch,
das ihn hält, durchzureißen und sich so zu befreien. Wilder
und wilder tanzt er und reißt mit aller Kraft.
Manchmal tanzten sie stundenlang,
bis sie sich befreit hatten. Hielt der Jüngling die ganze Zeit
aus, ohne ohnmächtig zu werden, so befahl der Zaubermann, daß
ein Krieger zu Pferd in das Zelt käme; er band dann den Riemen
von der Stange los und befestigte ihn an dem Pferde. Der Krieger sprengte
nun rund um das Zelt und schleppte dabei den Jüngling hinterdrein,
um so das Fleisch loszureißen. Wir Kinder liefen hinzu und sprangen
auf den Rücken des Jünglings, während er herumgeschleift
wurde, damit sich das Gewicht vergrößere. Befreite ihn das
noch immer nicht, so ließ der Krieger sein Pferd einige Schritte
zurücktreten und trieb es dann in einem plötzlichen Sprung
vorwärts. "Swisch!" - der widrige Ton von zerreißendem
Fleisch, und der Jüngling stand auf - wenn er dazu noch fähig
war - die ganze Brust zerfetzt und blutig herabhangend. Einen Augenblick
lang "heilte" ihn der Zaubermann mit Kräutern, dann ging
der Jüngling seines Weges - nun ein voller Krieger. Er hatte sich
würdig gezeigt; der Stamm ließ ihn von nun an als anerkannten
Krieger auf Kriegspfad gehen. Die Indianer erlaubten einem Jüngling
nicht, auf den Kriegspfad gegen einen Feind zu ziehen, ehe er diese
Probe bestanden hatte, damit er dem Stamme nicht durch Feigheit Schande
brächte. Wer den Tanz nicht bestand, bis er das Fleisch losgerissen
hatte, oder wer vorher ohnmächtig umsank, durfte nie als Krieger
auftreten, noch als Krieger kämpfen.--
Am Tage nach dem Sonnentanz wurde das Sonnentanz-Lager abgebrochen,
und alle Stämme zogen nach ihren Jagdgründen. Auch wir wendeten
uns westwärts nach dem Felsengebirge, dessen Schneespitzen wir
schon von den Sonnentanz - Ebenen aus sahen.
Kein Umherstreifen mehr
Doch bald waren
die Tage des freien Umherstreifens auf der offenen Prärie zu Ende.
Wenige Jahre später saßen wir Knaben in einer Missionsschule,
lernten das Abc und mit der Hand zu harken. Wie wir uns dabei schämten!
Arbeiten zu müssen wie Frauen, wo wir gemeint hatten, wir würden
Krieger und Jäger werden wie unsere Väter! Diese Handarbeit
demütigte uns dermaßen, daß wir, wenn wir einen unserer
alten Krieger an der Schule vorbeikommen sahen, die Harken hinlegten
und warteten, bis er vorüber war.
Ich ging manchmal nachts auf mein Zimmer und lag und dachte an die alten
Tage, wo es überall Büffel und viele andere Tiere gegeben
hatte... Dann dachte ich an das, was mir mein Großvater gesagt
hatte, als ich ein kleines Kind war. Er hatte gesagt: eines Tages würden
die Weißen Männer überall auf der Prärie leben.
Ich hatte es ihm nicht geglaubt. Er hatte gesagt, sie würden eines
Tages alle Tiere vertrieben haben; sie würden überall Zäune
errichten, und der Indianer würde immer an derselben Stelle lagern
müssen. Ich hatte es ihm nicht geglaubt. Doch nun begann ich einzusehen,
daß alles, was mein Großvater gesagt hatte, Wahrheit wurde
- und ich dachte mir: ob er es wohl sehen könnte. - -
Der neue Tag ist da, und er wird bleiben. Wir müssen lernen, unsere
alten Leute stumm sitzen und allein ihre Träume von der Vergangenheit
spinnen zu lassen. Unsere Aufgabe ist es, uns der neuen Lebensordnung
anzupassen, die der Große Geist für Nordamerika bestimmt
hat. Und wir werden dies auch können. Denn uns führt beständig
das alte Schwarzfuß-Sprichwort: Mokokit-ki-ackamimat - sei weise
und halte durch.
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