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Viele
Jahre, ehe die Weißen nach Amerika kamen, wohnte Büffelkalb
mit seiner Mutter Elchfrau und seinem Onkel Biberschwanz in einem
Dorf auf einer hohen Klippe. Vom Dorf aus blickte man auf einen Fluß
und auf das Laubdach von Pappeln und Weiden, die seine Ufer säumten.
Es waren keine geschlossenen Wälder um das Dorf, wie im Lande
von Otterschwanz und Flughörnchen. So weit das Auge reichte,
war nur leicht gewelltes, mit Gras bedecktes Hügelland zu sehen.
Grün im Frühjahr, gelb im Sommer, dehnte es sich nach Norden,
Süden, Osten und Westen in Wellen wie ein Meer, bis es ganz weit,
weit in der Ferne den Himmel berührte. Das Sonnenlicht tanzte
auf dem Gras, der Wind spielte darin, und violette Wolkenschatten
jagten darüber hin, wie dunkle Adler mit ausgebreiteten Schwingen.
In
der Mitte des Dorfes lag ein großer, freier Platz, auf dem die
feierlichen Tanzfeste abgehalten wurden. Die Häuser bestanden
nicht aus Rinde, sondern aus Lehm. Sie schlossen den Tanzplatz ein.
Die den Ebenen zugekehrte Seite des Dorfes war durch eine dichte,
hohe Schutzwehr aus Pfählen abgeschirmt. In ihr befanden sich
Löcher, durch die man Pfeile abschießen konnte, und kleine
hölzerne Aufbauten, auf denen bei Gefahr und Angriff die Speerwerfer
standen.
Am Steilabfall
der Klippe war kein Wall. Hier konnten die Feinde doch nicht herauf.
Unten, am Fluß, schimmerte der grüne Mais, dort lagen die
Gärten.
Die
Häuser selbst sahen wie große Erdhügel oder umgestülpte
Schüsseln aus. Im Sommer wuchs das Gras über sie hinweg.
Im Winter glichen sie kleinen weißen Buckeln, und aus jedem
stieg eine feine Rauchwolke auf.
Um in
Büffelkalbs Haus zu gelangen, mußte man erst durch einen
mit Erde bedeckten Tunnel gehen. Dann kam man in einen einzigen großen,
kreisrunden Raum. Ringsherum waren in einigem Abstand von der Außenwand
hohe Pfähle eingerammt; zwischen ihnen und der wand war Platz
genug für gerät und Werkzeuge: Hacken aus den Schulterblättern
der Büffel, Setzhölzer für den Mais und Rechnen aus
Hirschgeweihen, Brennholzstapel, Stöcke, Holzmörser und
-stampfer zum Zerstoßen von Mais, kleine Regale zum Aufbewahren
von Nahrung. Auch die Boote lagen hier, runde Riesenschüsseln,
aus Weidenzweigen geflochten und mit Büffelhaut überzogen.
Die Betten standen zwischen den Pfosten. Jedes ruhte auf Weidenstäben
über dem Boden und wurde von einem Zeltvorhang umschlossen. Das
Ganze glich einer großen Schuhschachtel Am Ende des Raumes,
dem Ausgang gegenüber, stand der Familienaltar, der die Medizin
der Familie barg. Dort brannte in einer kleinen Grube das Feuer, um
das herum die Familie saß. Mutter Elchfrau machte hier die Mokassins,
Onkel Biberschwanz erzählte seine Geschichten, Großvater
Gebrochener-Zahn saß dort auf einer Bank, mit dem Rücken
an die Wand gelehnt, und schnitzte Pfeile.
Büffelkalb
konnte von seinem Platz am Feuer aufstehen, durch den Türtunnel
laufen und auf einer Leiter aufs Dach steigen. Die "Leiter"
bestand nur aus einem eingekerbten Pfahl. Er konnte zum Rauchloch
hinausklettern und in das Haus hinuntersehen, auf den gebeugten Rücken
von Elchfrau, die Elchfleisch briet oder im Maisbrei rührte.
Außen sah er den Dorfplatz, wo die Krieger in Gruppen beieinander
hockten und über die Ereignisse des Tages sprachen, wo Frauen
große Bündel Brennholz herbeischleppten und die Kinder
mit den Hunden Fangen spielten. Weit
draußen, beim Fluß, konnte er die Maisfelder sehen, die
Mädchen, wie sie Treibholz am Ufer aufschichteten, und den Fluß
überblicken, der in breitem, schlängelndem Lauf durch die
Ebene strömte.
Das war
Büffelkalbs Welt, eine andere kannte er nicht. Nie hatte sein
Auge die großen Seen erblickt, durchsetzt mit Feld und Baum.
In den großen Wäldern, wo Otterschwanz zu Hause war, hätte
er sich todunglücklich gefühlt. Hier war sein Land, und
dort, wo die Sonne unterging, würde er den Büffel jagen,
diesen Sommer noch! Zu Büffelkalbs Zeiten wanderten die Stämme
noch nicht das ganze Jahr hindurch über die Ebenen. Sie wohnten
in Erdhäusern, versorgten ihre Gärten und lebten hinter
dem Schutz ihrer Palisaden friedlich dahin. Jedes Jahr machten sich
Jägergruppen auf und zogen hinter den Büffelherden her,
erlegten, was sie brauchten, schnitten das Fleisch in Streifen, dörrten
es und brachten es für den Winter nach Hause. Amerika war noch
nicht entdeckt, das Pferd unbekannt. Die Indianer wanderten zu Fuß.
Ihre Zelte, die Tipis, und ihr sonstiges Gut schnürten sie auf
Gestelle und befestigten sie an zwei Stangen. Als Zugtiere dienten
Hunde. So ein Vierbeiner konnte annähernd neunzig Pfund vorwärtsbewegen.
Die Tipis, diese wunderbar ausgedachten Zelte, bestanden aus mehreren
gegerbten und zusammengenähten Büffelhäuten, die über
ein Stangengerüst gespannt wurden. Die Büffelhäute
waren schwer, deshalb waren die Tipis damals klein und die Stangen
leicht - die Hunde mußten die Last gut schleppen können.
Später, als das Pferd sein Einzug in Amerika hielt, wurden die
Tipis viel größer und standen nicht mehr windschief, sondern
gerade auf starken Stangen.
Elchfrau
arbeitete an einem neuen Tipi für die große Jagd. Onkel
Biberschwanz hatte einige große, schöne Büffelfelle
heimgebracht. Die trug sie zum Fluß hinunter und weichte sie
in einem Schlammloch ein, bis sich die Haare lockerten und mit einem
Kratzer aus Elchrippe bequem abgeschabt werden konnten. Dann wurden
die Häute mit der Fleischseite nach oben auf der Erde festgepflockt.
Elchfrau und ihre Schwestern schabten alle Fett- und Fleischreste
mit einem scharfkantigen Knochenstück sorgfältig ab und
schmierten dann einen heißen Brei, aus Büffelhirn mit Fett
und Knochenmark gekocht, dick auf die Häute. Nach ein oder zwei
tagen wurden die Häute mit warmen Wasser abgewaschen und zum
Trocknen aufgehängt. Hernach wurden die großen Stücke
gerieben, gut durchgeknetet und über eine scharfe Holzkante gezogen.
Büffelkalb half dabei, soviel er konnte. Bald aber schmerzte
ihm die Arme, die Arbeit war schwer. Doch wenn sie getan war, hatte
man weiches gegerbtes Leder.
Elchfrau
legte sieben Fellstücke nebeneinander, tauchte ihre Finger in
rote Farbe und tupfte ein Schnittmuster auf das weiße Leder.
Die anderen Frauen machten sich sofort an die Arbeit, schnitten die
aufgezeichneten Teile aus und nähten sie zu einem großen
Stück wieder zusammen. Als Nähfaden benutzten sie Sehnen,
die sie aus dem am Rückgrat des Büffels entlanglaufenden
Strang gemacht hatten und die man in jeder gewünschten Stärke
spalten konnte. Die Nähfadenerzeugung war Büffelkalbs Arbeit.
Nadeln gab es nicht; die Frauen bohrten mit einer Knochenahle Löcher
in die Haut und steckten den Faden durch. Die Sehne wurde naß
verarbeitet. Nach dem Trocknen war sie dann zäh und riß
niemals. Die aneinandergenähten Teile bildeten einen Halbmond.
An einem Rand wurden zwei Rauchklappen angenäht. Wenn das Zelt
auf Stangen gezogen, aufgerichtet und unten mit Steinen beschwert
war, wurden die Rauchklappen mittels langer Stangen an der richtigen
Stelle gehalten. Sie erfüllten den gleichen Zweck wie unsere
Windregler an den Schornsteinen. Man konnte sie nach jeder Richtung
stellen, so daß der Rauch vom Boden des Zeltes kerzengerade
nach oben stieg und hinauszog.
Die Frauen hatten noch eine
besondere Arbeit: Sie mußte einige hundert Hunde zusammentreiben
und anschirren. Aus den Erdhütten wurden die Schleppstangen geholt,
und dann ging der Hundefang los und das große Packen. Ballen,
Bündel, Tipis, Säcke mit Maismehl, Kochtöpfe, Schöpfkellen,
Löffel aus Büffelhorn, Schlachtmesser, Ersatzklingen aus
Stein, kurz - all der notwendige Plunder, den so viele Menschen auf
einer zwei- oder dreimonatigen Reise brauchten, wurde aufgeladen.
Die Hunde waren nicht erfreut. Zum Schluß gab es noch lange,
feierliche Tänze, damit die Jagd reich und glücklich werde.
Die Medizinmänner hatten alles getan, um den Erfolg zu sichern.
Endlich machte sich der lange Zug auf dem Weg.
Die zu Hause bleiben, die
Gärten versorgen und das Dorf bewachen mußten, kletterten
auf die Dächer der Erdhäuser und blickten den Abziehenden
nach. Von der Dorfmitte aus rückte die Schar durch das Tor der
Befestigung, durch das gelbe Präriegras der sinkenden Sonne entgegen.
Männer
schrien, Frauen riefen, Kinder rannten und plärrten und verloren
ihre Mütter im Menschen- und Hundegewühl. Sie fanden sich
aber wieder zurecht und wurden nun ebenfalls auf Schleppgestelle verladen
und festgebunden. Die Hunde bellten und heulten, wedelten mit ihren
buschigen Schwänzen und legten sich tüchtig in ihre Geschirre.
Die Schleppstangen kratzten und zischten über die Erde und durch
das Gras. Staub wirbelte hoch und hing wie eine Wolke in der heißen
Luft.
Büffelkalb war auch im
Zug und lief neben seinem großen Hund her, der außer dem
kleinen Bruder noch sämtliche Kochtöpfe der Familie zog.
Wenn Büffelkalb nach vorne blickte, sah er Hunderücken und
kecke Ringelschwänze. Da und dort ragte aus der Staubwolke der
Federschmuck eines Kriegers. Hinter Büffelkalb kamen andere Menschen,
und die Köpfe der ziehenden Hunde schwankten hin und her.
So zog der junge Prärieindianer
auf die Büffeljagd.
Quelle:
Büffeljagd und Cowboy-Ranch, Holling C. Holling, Franckh'sche
Verlagshandlung Stuttgart, 1968, von rado jadu 2000
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