Töchter der Wildnis
Bilder aus dem Frauenleben der nordkanadischen Indianer
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Fern, fern im hohen Norden Kanadas, dort, wo nur das wie ein dumpfes Atmen und Seufzen der Urwaldes klingende Rauschen und brausen des Windes, wo nur der ängstliche schrille Aufschrei eines Vogels oder das machtvolle tönende Brüllen des Hochwildes die tiefe Stille der weiten Wildnis unterbricht dort, wo die rauhe, ungezügelte Natur des roten Mannes ihr Glück in einer zwar oft entbehrungsreichen, aber dafür auch stets schrankenlos freien Lebensführung findet, dort schlägt der Creeindianer in irgend einem geschützten Winkel sein Wigwam auf. Dürftig ist das Gewand, das ihn sein Squaw von den eisigen Winterstürmen beschirmen soll, und überaus kärglich ist meistens ihr Tisch besetzt; ja, oft genug herrscht bittere Not. Unter Mühseligkeiten und Entbehrungen aller Art, von Schmutz und Unrat umgeben, fechten sie einen harten, schweren Kampf um ein ärmliches, kümmerliches Dasein: es ist ein unaufhörliches, nimmer endendes Ringen gegen die Dämonen erstarrenden Frostes und nagenden Hungers. In solch einer Umgebung, unter derartigen Verhältnissen beginnt das winzige Creebaby seinen Lebenslauf. Eingepackt in einen molligen, mit weichem Moos gefüllten Beutel, der in ein hölzernes Traggestell gesteckt und mit Federn und Bändern geschmückt wird, erhält die kleine Erdenbürgerin zwischen den väterlichen Jagdgeräten und den mütterlichen Kochgeschirren, neben Biberfallen und allerhand anderen Habseligkeiten, die im Wigwam umherliegen, ein recht bequemes Ruheplätzchen. Hier hat sie alles, was sie vorläufig braucht Wärme und Pflege. "Sag, Liebchen, was willst du noch mehr?" Ohne Ahnung und Verständnis für die Dürftigkeit, unter denen die andern Bewohner des Wigwams zu leiden haben, bleibt sie stets die zufriedene, lachende, stets vergnügte Papuse (Bezeichnung der Indianer für kleine Kinder). Wie sollte sie auch nicht? Wer könnte es wohl besser haben als sie? Wünscht sie etwas, so braucht sie bloß ihr meistens recht kräftiges Stimmchen erschallen zu lassen, um sofort zu erhalten, was ihr Herz begehrt. So tyrannisiert die winzige olivfarbige Schönheit zwar den Wigwam ein wenig, aber dafür ist sie anderseits auch wiederum das Licht und die ganze Freude ihrer Eltern, denen keine Mühe und Arbeit zu schwer, zu drückend ist für die kleine Papuse.
Zur Faulenzerin wird sie trotz jener Liebe ihrer Eltern aber keineswegs erzogen. Früh schon folgt sie der Mutter in den Wald, um zu lernen, wie man die Nadelholzzweige zum Bestreuen des Fußbodens im Wigwam abhackt. Und bald nimmt sie, mit ihrer eigenen kleinen Art, ihren eigenen Schneeschuhen ausgerüstet, die Mutter diese Arbeit ab. Ist's möglich? Wirklich, da schleppt die Papuse ein Bündel Reisig herbei, das größer ist, als das Mädchen selbst. Nach und nach wird die Kleine dann auch zu den anderen häuslichen, von den "Squaws" zu verrichtenden Arbeiten herangezogen. Sie lernt die Fische schuppen, ausnehmen und das vom eifrigen, unerschrockenen Vater erlegte Wild abzuhäuten, zerlegen. Denn hat die Mutter am strande zu tun, so muß die Kleine das Aschenbrödel spielen, d.h. Holz hacken, Wasser tragen, das Essen kochen und alles, was sonst in der Wigwamwirtschaft zu tun ist, besorgen. Doch nie wird sie ihre Obliegenheiten mißmutig oder gar mürrisch erfüllen; lustig singt und trällert sie den ganzen Tag, und ihr silberhelles, munteres Lachen wirkt so ansteckend, daß auch der ärgste Griesgram dadurch aufgemuntert würde. In ihren "Mußestunden" wird die allmählich heranwachsende Kleine von der Mutter in die Geheimnisse der gar schwierigen Kunst des Strickens eingeweiht und auch darin unterwiesen, die Felle der vom Vater erlegten Tiere natürlich mit Ausnahme der seltenen, die an die "Hudson Bay Company" verkauft werden zuzuschneiden und zu Kleidungstücken zu verarbeiten, Schneeschuhe anzufertigen und die hirschledernen Mokassins, sowie andere Pelz- und Fellstaatskleider mit allerlei Mustern in dem freilich etwas barbarischen Indianergeschmack zu besticken oder auszunähen. Mit den Jahren wächst natürlich auch der Umkreis ihrer Pflichten; ist sie erst kräftig genug, so nimmt der Vater sie mit sich hinaus. Und unter seiner Anleitung bildet sie sich zu einer ebenso raschen wie unerschrockenen, umsichtigen und schnell entschlossenen Läuferin aus. Ja, man behauptet nicht zu viel, wenn man sagt: zu einer kleinen Heldin, die in ihrem Handeln ebenso kühn und tapfer und im erdulden von Anstrengungen und Entbehrungen ebenso abgehärtet und ausdauernd wie ihr Vater ist. Doch all dieses gilt in ihren Augen nicht sonderlich viel; es ist ihre Pflicht und Schuldigkeit, und damit basta! Diese Übungen haben aber auch das Gute im Gefolge, daß die die Muskeln des nun bereits längst dem "Papusestadium" entwachsenen, zur Jungfrau herangereiften Mädchens stählen und ihr eine beneidenswerte Selbstsicherheit verleihen. Mit der Axt weiß sie ebenso gut umzugehen, wie ein junger Mann ihres Alters, und die Hiebe, die sie schwingt, sind gewiß nicht minder wuchtig, als die seinigen. Auch im Jagen und Fischen ist sie nun firm, und die Zurichtung der schweren Hirschhäute versteht sie meisterhaft. Aber diese durch die Härte des nordkanadischen Klimas und die Schwere des dortigen Kampfes ums dasein bedingte Strenge der Erziehung hat ihr von den angeborenen, speziell weiblichen Charaktereigenschaften nicht das geringste geraubt. Ihren jüngeren Geschwistern ist sie treu und innig zugetan, und nicht bloß diesen bringt sie ein freundlich dienstbereites Herz, ein sanftes, liebenswürdiges Wesen entgegen. Kein verwaistes Kindchen bleibt nach dem Verluste der Mutter einsam und verlassen zurück, die "bemuttert" es nach besten Kräften; kein Schwacher, kein Kranker darf sich über Vernachlässigung beklagen, willig und getreulich pflegt sie ihn. Freilich in überschwenglichen Worten äußert sich ihre Hilfsbereitschaft nicht. Von Jugend auf zur Selbstbeherrschung erzogen und an stoische Unterdrückung aller lauten Gefühlsäußerungen gewöhnt, zeigt sie durch Taten, wes Geistes Kind sie ist. Kommt unsere junge Freundin in das heiratsfähige Alter, so stellt sich auch bald der Freier ein. Liebesheiraten kennt man dort allerdings nicht. Die Hauptanziehungskraft, welche das junge Mädchen auf den oder die Bewerber ausübt, beruht in ihrer Tüchtigkeit und Emsigkeit. Aber auch der rothäutige Freier leidet an einer gewissen Schüchternheit und sucht die Gunst und Zuneigung seiner auserkorenen durch kleine Geschenke, die er ihr durch eine würdige, unparteiische Mittelsperson oder auch oder auch heimlich ins Zelt sendet, zu erringen. Sehr beliebt und fast immer einer freundlichen Annahme sicher sind recht grellbunte, seidene Taschentücher aus dem Warenlager der Hudson Bay Gesellschaft. Erst nachdem er sich so der Einwilligung seiner zukünftigen Squaw einigermaßen versichert hat, wagt der freier sich an den präsumptiven Schwiegervater mit der Bitte um die Hand der Tochter zu wenden, und ängstlich erwartet er dessen Entscheidung. Fällt diese jedoch zu seinen Ungunsten aus, so klagt er sein Leid allerdings nicht den Sternen, seufzt auch nicht, daß ihm das Herz vor Gram brechen werde. Und ebensowenig fällt es ihm ein, die Abweisung als Schimpf aufzufassen und sich deswegen etwa zu rächen. Nein, er gehet hin und sucht sich eine andere Braut. "Squaws", so sagte er sich, "gibts noch in Hülle und Fülle." Und: "Beharrung führt zum Ziel!" heißt es schon in den Sprüchen des Konfuzius.
An ihrem Hochzeitstage wirft sich selbstverständlich auch die indianische Braut in Gala. Da legt sie ihre kleidsame, einfache, heimische Tracht leider ab, um sich mit all der in den zivilisierten Ländern längst unmodern gewordenen Talmieleganz auszustaffieren, die man ihr als das "Feinste vom feinen" angepriesen hat. Ein buntes Musselinkleid und ein Strohhut, der mit so viel grellfarbigen künstlichen Blumen, Bändern und Schleifen, wie nur irgend hinaufgehen, garniert ist, stellt wohl den Gipfel dessen dar, was eine Braut vom Stamme der Creeindianer sich in ihren ausschweifendsten wachen Träumen als Brauttoilette wünscht. Geht ihr dieser Wunsch in Erfüllung, so hat sie etwas, woran sie sich bis an ihr Lebensende voller Stolz und Freude erinnert, und was auf ihr ganzes späteres, oft recht schweres und trübes Dasein einen verklärenden Schimmer wirft. Auch bei den dortigen Trauungen findet der Ringwechsel statt; aber die ziemlichen breiten, dicken Ringe bestehen meistens nur aus Messing, seltener aus Silber und sind oft genug bloß geliehen! Großen Anklang hat auch der Brauch gefunden, auf dem Wege vor dem jungen Ehepaar Reis das Symbol des Segens und Reichtums zu streuen. Da Reis in jener Gegend jedoch ein ziemlich teurer Artikel ist, behilft man sich, so gut es eben geht, und ersetzt oft den kostspieligen Reis durch die erheblich billigeren Erbsen! Ja, einmal, als die Teuerung besonders groß und nicht Reis, nicht Erbse aufzutreiben war, machte man aus der Not eine Tugend und griff in Ermangelung jenes glückverheißenden Symbols und seines ebenso nahrhaften Surrogats zu einem allerdings reichlich harten und unverdaulichen Ersatzmittel, nämlich zu Flintenschrot! Nach beendigter Trauung begibt sich das neuvermählte Paar mit den anderen Hochzeitsgästen hinaus auf einen freien Platz, wo das Festmahl stattfindet. Denn nach Ansicht jenes Stammes ist eine Hochzeit keine Kleinigkeit, sondern eine Festlichkeit, die gründlich gefeiert werden muß. Und da sich bei den Crees die Begriffe "feiern" und "schmausen" so ziemlich kongruent decken, kann man sich leicht ausmalen, wie hoch es bei einem solchen Hochzeitsschmause herzugehen pflegt. Da muß das Allerbeste aufgetischt werden, selbst wenn der junge Gatte durch die entstehenden Kosten tief in Schulden gerät. Für die einstige "Papuse" ist ihr Hochzeitstag im ganzen Leben der einzige, an dem sich einer wirklich unbeschränkten Heiterkeit hingeben darf. Kein Wunder, daß sie diese Freiheit in vollen Zügen zu genießen sucht. Denn auch in bezug auf sie kann man mit vollem Rechte zitieren:
Nach Beendigung der Hochzeitsfestlichkeiten beginnen für sie nämlich keine süßen Flitterwochen, sondern der Ernst des Lebens, den sie freilich auch schon als Mädchen zur Genüge kennen gelernt hat, tritt nun in verschärfter Form an sie heran und stellt ihre Fähigkeiten auf die härteste Probe. Und sie bestand diese noch stets aufs glänzendste, und zwar, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Wie sollte sie auch? Sie hat es ja nie anders gekannt; wie es ihr ergeht, erging es vor ihr der Mutter, und ebenso wird es dereinst ihren Töchtern ergehen. Illusionen macht sie sich nicht, Träumen von einem "bessern Lose" hängt sie nicht nach. In einer Hinsicht ist ihr Los allerdings viel, viel besser als dasjenige der Majorität ihrer rothäutigen Schwestern anderer Stämme. Während diese tatsächlich nicht anders als "Lasttiere und willenlose Sklavinnen" ihrer Männer bezeichnet werden können, wird die Squaw der Creeindianer nach ihrer Vermählung die "Herrin des Hauses" oder vielmehr des "Wigwams". Und mehrfach soll es schon vorgekommen sein, daß diese muskelstarken Squaws ihr Hausrecht selbst dem eigenen Herr Gemahl gegenüber in der energischsten Art zu wahren wußten. Ja, bei einer jung verheirateten Squaw schien sich auch die "Milch der frommen Denkart in gärend Drachengift" verwandelt zu haben. Denn man überraschte sie eines schönen Tages dabei, als sie mit hochgeschwungener Axt ihren jämmerlich vor ihr fliehenden Gatten verfolgte und ihn totzuschlagen drohte, was ihr wie gute Bekannte meinten auch zuzutrauen gewesen wäre. Doch sind das nur Ausnahmen; im allgemeinen behält die verheiratete Creesquaw den ruhigen, freundlichen Charakter und das sanfte, liebenswürdige, hilfsbereite Wesen bei, die schon das junge Mädchen auszeichneten.
Stirbt ihr Mann, so braucht sie nicht zu befürchten, durch den Todesfall zu einem einsamen Leben verurteilt zu sein. Im Gegenteil, als Erbin der ihrem verstorbenen Manne gehörigen Jagdrevier ist nicht bloß die junge, nein, selbst die schon recht bejahrte Wittib eine sehr umworbene Persönlichkeit. Und oft genug findet man, daß junge Männer Witwen geheiratet haben, die dem Alter nach ihre Mütter, wenn nicht gar Großmütter sein könnten. Freilich, die Blütezeit der jungen Frau geht in dem strengen nordischen Klima und bei der harten Arbeit gar rasch dahin. Die arme Squaw altert unglaublich schnell; mit vierzig Jahren ist ihr einst so frisches , rosiges Antlitz von tiefen Runzeln und Falten durchfurcht. Aber darüber grämt sie sich nicht; und fragt man sie nach ihrem Alter, so lautet die Antwort unabänderlich: "Ich habe viele Winter gesehen." Ihr Leben ist ja auch nicht der Schönheitspflege, sondern der Arbeit geweiht; und zum Arbeiten ist eine Creesquaw niemals zu alt. Kann sie in hohem Alter nicht mehr so schaffen, wie sie es wohl möchte, dann tut sie eben das, was sie noch zu leisten vermag. Ihren Posten, auf den das Geschick sie im Leben gestellt hat, füllt sie nach besten Kräften aus. Freilich, hochfliegende Ideen birgt ihr Geist nicht; wer ihren wahren Wert erkennen will, muß sie in ihrem Wirkungskreise beobachten. Und kann sie auch nicht gerade als Muster der Vollkommenheit bezeichnet werden, so gebührt ihr doch unbestreitbar der Titel eines braven und tüchtigen Weibes. Und der ist, so schlicht er auch klingt, sehr rühmlich, besonders für jemand, der ihn so ausschließlich sich selbst verdankt, wie die Creesquaw, diese unverfälschte Tochter der Wildnis. Quelle: Das große Weltpanorama, Verlag W. Spemann, Stuttgart, von rado jadu 2001 |
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