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Die letzte Büffelherde

Noch nicht volle 50 Jahre sind es her, als der Bison, der Büffel der Amerikaner, der Riese aller dortigen Landsäugetiere und ein naher Verwandter des europäischen Wisent, sich fast über die ganze Nordhälfte des "Far West" , des entlegenen Westens der Vereinigten Staaten, verbreitete. Besonders zahlreich in Herden, die nicht nach Tausenden, sondern nach Zehn- und Hunderttausenden zählten, schwärmte dieses gewaltige Tier auf den zwischen den großen Seen und dem Felsengebirge liegenden Prärien umher. Dort fanden diese genügsame Tiere alles, was sie zu ihrer Leibesnahrung bedurften. Im Sommer bot ihnen das unscheinbare, aber saftige Gras der Prärien ein gedeihliches Futter, während sie im Winter mit noch geringerer Nahrung vorlieb nahmen und froh waren, wenn sie neben Zweigspitzen und verdorrten Blättern dürres Gras, Flechten und Moos erlangen konnten. Und wenn die Tiere und das Wasser weniger leicht als reichliches und frisches Futter zu entbehren vermochten, so fanden sie in jener Gegend immerhin genug zur Löschung ihres Durstes.

Auch dem Bison hat es ebenso wenig wie irgend einem anderem Tier seines Geschlechts an lebenden Feinden gefehlt. Der Grizzlybär scheute selbst den Kampf mit einem wahrhaften Stiere nicht, und der Wolf wurde wenigstens jüngeren Büffeln sehr gefährlich, aber ihr schlimmster Feind blieb doch der Mensch. Wer von uns wüßte nicht aus den zahlreichen Indianergeschichten, die wir verschlangen, daß die Büffeljagd dem Prärieindianer nicht bloß eine Beschäftigung war, durch die er sich seinen Unterhalt verschaffte, sondern die ihm auch zugleich als schönstes, höchstes Vergnügen galt? Doch so lange der Rote der einzige Bewohner der Prärien war, betrachtete er den Bison gewissermaßen als Haustier, schonte Kühe und Kälber und sorgte durch diese verständige Einschränkung seines Jagdtriebes dafür, daß jenes für ihn so überaus wichtige Tier, das ihm Fleisch und Leder gab, sich nicht verminderte, sondern gedieh und immer in geradezu unabsehbaren Herden vorhanden war.

Auch in der ersten Zeit, als der Weiße sich in Nordamerika ansiedelte, war an eine Abnahme der Büffel noch nicht zu denken. Zwar gefielen ihm die reichhaarigen großen Pelze, auch fand er das fette Büffelfleisch ganz nach seinem Geschmack, doch trotzdem er jährlich zweimalhundertfünfzigtausend Felle, die man "Buffalrobes" nannte, auf den Markt brachte, riß dieses in die ungeheuren Bestände keine auch nur im entferntesten wahrnehmbare Lücke. Als jedoch die Pacificbahnen gebaut wurden, brach das Verderben für dieses edle Wild herein. Wie sollte man ein ganzes Heer hungriger Handwerker, deren Arbeitsfeld weit, weit von den Grenzen der Zivilisation lag, wie sollte man dreitausend Leute, für die bei ihrer schweren Arbeit ein Stück saftiges, frisches Fleisch geradezu Existenzbedingungen war, und denen man statt dessen Tag für Tag gepökeltes Schweinefleisch auftischte, wie sollte man sie anders beköstigen? Es gab ja in jener Gegend keine Schweine, keine Kälber, keine Schafe, keine Rinder; aber zum Glück gab es eine andere Tiergattung im Überfluß, nämlich unsere Büffel. Und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß nur das Vorhandensein jener ungeheuren Herden zottiger Büffel den so raschen Bau der ersten Transkontinentaleisenbahn, die den Atlantischen mit dem Großen Ozean verband, damals ermöglichte

Später bildeten skrupellose, nur auf möglichst schnellen Gelderwerb erpichte Leute förmliche Büffelvernichtungsgesellschafften. In welcher Weise man den Krieg gegen die Tiere führte, welches unverzeihliche Gemetzel man anrichtete, schildert am besten ein Bericht, nach dem im Sommer 1874 allein an dem verhältnismäßig kleinen Rickareefluß zweitausend Jäger lagerten. Und die meisten von ihnen konnten sich rühmen, im Laufe des Sommers gegen zwölfhundert Bison erlegt zu haben. In den Jahren 1870-76 sind noch zehn Millionen Büffelhäute auf den Markt gebracht worden; aber schon nach sechs Jahren hatte sich die Zahl auf drei Millionen verringert. Und heutzutage zahlt man für das Fell und Knochengerüst eines amerikanischen Büffels mehrere hundert Mark. Aber diese stammen nur aus irgend einem Zoologischen Garten her, da die wenigen hundert Büffel, die jetzt noch in eingefriedeten Wildbahnen gehalten werden, strengen Schongesetze unterworfen sind. Denn schon zu Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - also zu einer Zeit, in der noch Millionen von Bisons über die Prärien dahinstürmten - sahen weitblickende Zoologen die baldige, gänzliche Ausrottung der riesigen Tiere voraus und verlangten Schutz- und Schonbezirke für die sinnlos gemetzelten Büffel.

"Wenn ", so schreib der Naturforscher Finch, "in nicht näher zu berechnendem Zeitraume der schwarze, fette Boden der Prärie durch den Fleiß und die Ausdauer des weißen Mannes in lachende Fluren und Gefilde verwandelt sein wird, dann werden wir Spuren seines roten Bruders, entartet oder als Mischlingsvolk, noch lange begegnen, den Bison aber nur noch in geschützten Gehegen oder in unsern Tiergärten finden. So unaufhaltsam dieses Schicksal trotz aller zu ergreifendes Maßregeln sich erfüllen muß, immerhin wird für die Erhaltung des teilnahmwerten Tieres besser gesorgt werden, als dies bei uns mit dem Wisent geschah. Wir vertrauen, daß eine Regierung, welche die Riesen des Pflanzenreiches, die mächtigen Mammutbäume Kaliforniens, das unübertrefflich malerische und großartige Yellowstonetal mit seinen Felswänden, Seen und Wasserfällen als Volkseigentum zum Gemeingut aller machte, welche die Seelöwen am Gestade des Stillen Meeres unter Schutz stellte, auch für die Erhaltung des Bison Bezirke abstecken wird, gegen welche der Bialowieser Wald mit seinen siebzehn Geviertmeilen verschwindet, und in denen der Bison, unbehelligt von Weißen und Rothäuten, für lange Zeit unter kräftigem Schutze fortleben und gedeihen wird." "Uncle Sam" - Onkel Sam(uel), ein aus den Anfangsbuchstaben der englischen Staaten von Nordamerika "United States of America" für deren Bürger und Regierung gebildeterer Spitzname - war auch keineswegs abgeneigt, jenen Wunsch zu erfüllen, wollte sich als weltbekannt tüchtiger Geschäftsmann jedoch nicht in allzu großen Unkosten stürzen. Aber Versuche, die Vermehrung der Büffel durch ihre Ansiedlung in gut geschützten, doch relativ kleinen Gehegen zu erreichen, mißglückten gänzlich.

Nun hatte vor etwa dreißig Jahren, als das Gemetzel in vollster Blüte stand, ein Flachkopfindianer, der auf den schönen Namen "Schleichender Coyote" hörte, von einer Büffeljagd in den Gefilden um Alberta ungefähr zwanzig Stück nach seinem in Montana gelegenen "Wigwam" mitgebracht. Aber nicht nach Art anderer Jäger in Gestalt von Häuten und Pemmikan, wie man das getrocknete, sehr wohlschmeckende Büffelfleisch in Amerika nennt, sondern in - lebendem zustande. Was diesen Roten damals zu seiner für ein Indianerhirn geradezu unbegreiflichen und unerklärlichen Handlungsweise veranlaßt haben mag, ist bis auf den heutigen Tag in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt geblieben. Ob er die heimatlichen Jagdgründen, auf denen kein Bison mehr zu erblicken war, mit frischem Wild zur bequemeren Ausübung seiner Jagdpassion besiedeln wollte? Ob er noch andere Ziele verfolgte? Niemand hat es ergründet. Aber der Flachkopfindianer schien seines Besitzes sehr rasch überdrüssig zu werden, denn er bot ihn einem Mestizen (Halbblutindianer) namens Michael Pablo für den Preis von ungefähr 8 000 Mark an. Und Pablo, der als geriebener Geschäftsmann voraussah, daß bei jener sinnlosen Metzelei der Büffel, und noch dabei in lebendem zustande, gar bald ein rarer Artikel sein würde, griff er mit beiden Händen zu. Sehr verständig sagte er sich aber, daß die Tiere sich in demjenigen Milieu, das ihren früheren Daseinsverhältnissen am meisten ähnelte, auch am besten halten und weiter entwickeln würden. Infolgedessen setzte er sie in der "Indian Reservation von Montana" in Freiheit, so daß sie auf einem Areal von fünfzig Quadratmeilen ungehindert umherschweifen konnten.

Bestellmöglichkeit
Diese Farbigen Poster kosten um DM 50.- DM 60 sie sind circa 55 x 40 cm und 60 x 45

 

Als die Regierung der Vereinigten Staaten den verfolgten Büffel unter ihre Fittiche nahm, konnte sie über Pablos Herde, die sie selbstverständlich auch sehr gern "geschützt" hätte, die aber als Privateigentum ihrem Machtbereich entrückt war, natürlich keine Disposition treffen. Daß der Besitzer der Herde selbst unter jenem Schutze stand, tat dabei nichts zur Sache; in dieser Hinsicht konnte man dem braven Pablo gegenüber keine Zwangsmaßregeln ergreifen. Eines Tages erhielt er jedoch eine Nachricht, die ihn in seiner Sicherheit und Ruhe sehr unliebsam störte. Es lief nämlich das Gerücht um, daß die Regierung der Vereinigten Staaten die Absicht habe, die ganze Indianerreservation zu freier Besiedlung aufzuteilen. War das wirklich der Fall, wo blieb er dann mit seiner Herde? In seiner Angst entschloß er sich nun doch, die inzwischen tatsächlich zahlreicher gewordene Herde der Regierung zum kaufe anzubieten. Ja, er begab sich sogar persönlich nach Washington, um dort seine Bereitwilligkeit zum Verkaufe jener seltenen Herde zu äußern. Aber der arme Pablo mußte unverrichteter Sache wieder heimziehen; Onkel Sam hielt es im Interesse eines glatten Verlaufs dieser Angelegenheit für geratener, kein allzu große Neigung zum ankaufe der Büffel zu bekunden. Damit der arme Kerl in seiner Verzweiflung jedoch nicht darauf verfalle, jetzt noch seine Büffel abzuschießen, teilte sie ihm bald darauf mit, da die Indianerreservation in kürzester Frist aufgeteilt werde, wolle man ihm in Gnaden die ganze Herde zum Preise von drei Pfund gleich sechzig Mark pro Stück abnehmen. Dieses Gebot erschien Pablo aber doch gar zu gering; "nein," sagte er ingrimmig, "dann zerlege ich meine Büffel doch lieber in Häute und Pemmikan."

Aber gerade im Augenblick der höchsten Not wandte sich das Blättchen zu seinen Gunsten. Die kanadische Regierung hatte nämlich von Pablos prächtiger Herde und seinen Unterhandlungen mit dem Gouvernement der Vereinigten Staaten zu hören bekommen. Sofort sandte sie einen Unterhändler zu ihm, und obgleich dieser Pablo kein Wort Englisch konnte, der Unterhändler aber nicht die leiseste Idee von der Flachkopfindianersprache hatte, kamen sie doch bald zu einem beide Teile befriedigenden Übereinkommen. Die kanadische Regierung bot Pablo nämlich für jedes gesunde Tier seiner auf etwa sechshundert Stück angewachsenen Büffelherde den Preis von vierzig Pfund gleich achthundert Mark, also rund das Dreizehnfache des von den Vereinigten Staaten gemachten Gebots. Für jenen Preis hatte Pablo die Tiere gesund und unverletzt an einen von den Abnehmern zu bestimmenden Ort zu transportieren. Wie der superklugen Behörde in Washington zumute wurde, als sie hörte, daß ihr eine so hervorragende nationale Akquisition infolge ihrer übelangebrachten Sparsamkeit und Hinhaltungstaktik durch die Finger geglitten war, läßt sich leichter nachfühlen als schildern. Pablo aber begann vor Entzücken einen Indianertanz, wie er ihn um den Marterpfahl eines besiegten Feindes nicht toller und wilder hätte ausführen können. Er hatte ja auch alle Ursache dazu, denn vierundzwanzigtausend Pfund oder nach unserem Gelde viermalhundertachtzigtausend Mark war für jene sechshundert Tiere kein schlechter Preis. Bald sollte er jedoch einsehen, daß er mit der Verpflichtung, diese völlig ungebändigte und ungebärdige Herde heil und gesund auf der seiner Farm am nächsten gelegenen Bahnstation Ravalli der Nordpacificeisenbahn abzuliefern, kein leichtes Stück Arbeit und keine geringe Verantwortung übernommen hatte.

Sicheres Lager
Sammeln

 

Wie sollte er es bloß anstellen, diese in den schwer zugänglichen Pässen und Schluchten der Bitterrootberge hausenden und in unumschränkter Freiheit aufgewachsenen Tiere an einem bestimmten Platz zu treiben, um sie von dort aus nach der Bahnstation zu transportieren? Zunächst mußte er natürlich einen gewaltigen Durchhau herstellen lassen, zu dem man die Tiere treiben konnte. Danach ließ er zwei feste Zaunreihen errichten, die sich von der Schlucht, in welcher die Tiere zumeist sich aufhielten, bis zum Pend d'Oreilleflusse hinzogen, auf dessen jenseitigem Ufer eine ungeheure Hürde angelegt war. An der Schlucht, etwa 2 Kilometer breit, verengte sich der Durchhau allmählich bis auf zirka 5 Meter, und da am und im Flusse selbst rechts und links gewaltige Baumstämme ein seitliches Ausbrechen verhinderten, blieb den Tieren nichts anderes übrig als der Weg durch den Fluß zum jenseitigen Ufer hinüber, wo die Hürde sie aufnahm.

So leicht und einfach, wie sich die Sache hier anhört, gestaltete sich das Zusammentreiben der Büffel allerdings nicht; sie sind eigensinnige, halsstarrige Tiere, die sich nicht scheuten, wenn sie von den Treibern zu sehr bedrängt wurden, kurzweg kehrt zu machen und mit gesenktem Kopf auf ihre Verfolger loszugaloppieren. Gewöhnliche Viehtreiber eigneten sich infolgedessen zu dieser Arbeit nicht. Pablo brauchte echte Cowboys von altem Schrot und Korn, die mit den Tücken der Prärieriesen vertraut und in allen Kniffen und Pfiffen bei deren Jagd wohlbewandert waren. Daß sie ebenso vorzügliche Lassowerfer wie sattelfeste Reiter und todsichere Schützen sein wußte, versteht sich von selbst. Es kostete Pablo zuerst nicht geringe Mühe, einen Grundstock solcher echten Wildwestmänner von Annodazumal aufzutreiben und zusammenzubringen. Als dann die Sache aber erst bekannter wurde, strömten viele herbei, welche sich diese letzte Gelegenheit, an einer Büffelhetze teilzunehmen, die noch einen Anklang an die alten Wildwestjagden hatte, nicht entgehen lassen wollten. Ihnen war es dabei selbstverständlich weniger um den Lohn für diese Arbeit als um das ganze wilde, tolle Getriebe und die nervenaufpeitschenden Momente höchster Lebensgefahr und höchster Lebensluft zu tun. An dem Zusammentrieb beteiligte sich außer diesen Veteranen auch noch Pablos Frau, eine unverfälschte, indianische Squaw, die es mit den gewandtesten Reiterstücklein aufnahm, und ferner auch Pablos ebenso tüchtiger Sohn.

Eines schönes Tages war endlich alles soweit daß die große Hetze beginnen konnte. Friedlich grasten die gewaltigen Büffel an den Abhängen der Schlucht, als sich plötzlich windwärts von ihnen ein entsetzlicher, höllischer Lärm, ein jauchzen, Schreien, Schießen und Knallen erhob. Erschreckt richteten die Büffel sich auf, hoben den Kopf, witterten in der Luft, und plötzlich setzte sich der größte Teil davon in Galopp, um von dem ungewohnten Getöse zu fliehen. Doch die Verfolger ließen nicht locker. Auf ihren unscheinbaren, aber sehnigen, ausdauernden und pfeilschnellen Rossen jagten sie brüllend, schießend und die lange geflochtene Lederpeitsche schwingend wie das Unwetter hinter der entsetzt davonstiebenden Herde drein, so daß vor dem aufwirbelnden Staube Verfolger und Verfolgte bald nicht mehr zu unterscheiden waren.

In kurzer Zeit hatte der Vortrab der Büffel den Durchhau erreicht, und dicht hinter ihm drängte die kompakte, schwarze Hauptmasse der Herde eiligst nach. Lauter und immer lauter wurde das Tosen und zu noch immer schnellerem Laufe trieben die Cowboys ihre schon wie ein Blitz dahinschießenden Cayusen (Indianerponnies) an. So gehetzt, stutzte die etwa zweihundert Büffel zählende Masse auch nicht einen Augenblick vor dem Wasser, sondern sprang ohne Zögern in den Fluß, um sich schwimmend ans andere Ufer zu flüchten. Und die lebende Brücke, die sie dabei bildete, war so dicht und fest, daß man trockenen Fußes hätte darüber hinwegschreiten können. Nach dem passieren des Flusses wurden die Büffel in große Hürden getrieben und von dort nach Ravalli gebracht, von wo man sie in eigens dazu eingerichteten Viehwagen mit der Bahn nach Kanada weitertransportierte.

Aber nicht jeder Trieb verlief so verhältnismäßig glatt und einfach wie dieser erste. Mehr als einmal machten die gehetzten Tiere kurzweg kehrt und galoppierten mit drohend vorgestreckten Hörnern und wutblitzenden Augen auf ihre Verfolger zu. Dann hatten die Cowboys Gelegenheit, ihre Reiterkunst leuchten zu lassen; denn ein in Wut geratener Büffel gehört zu den furchtbarsten und gefährlichsten Gegnern, die man sich überhaupt denken kann. Bei solchen Zwischenfällen hängt das Leben von Roß und Reiter oft nur an einem Haar. Da durfte keiner erst lange überlegen: "Was machst du nun?" Hier hieß es den Gaul mit Blitzesschnelle herumreißen, um vor dem wie wild darauf losstürmenden Büffel seitwärts auszubiegen. Und wehe dem, der sich dabei auch nur um eine Sekunde verrechnete; im nächsten Augenblick flog er und sein Roß, von den langen Stierhörnern mit unwiderstehlicher Kraft emporgeschleudert, sicherlich hoch durch die Luft. Aber auch diejenigen, die ihrem furchtbaren Verfolger glücklich ausgewichen waren, durften noch nicht frohlocken. Ehe der Büffel bemerkte, daß sein gehetztes Wild sich nicht mehr vor ihm befand, und nun selbst kehrt machte, um die Hetzjagd fortzusetzen, mußte der Cowboy sich in Sicherheit gebracht haben. Und mehr als einmal kam es vor, daß seine Cayuse über eine Wurzel oder einen Baumstumpf stolperte und stürzte.

Dann mußte der Cowboy rasch aus dem Sattel springen, um nicht im Sturz mitgerissen zu werden, aber ebenso rasch mußte er auch wieder in den Sattel fliegen, sobald sein Gaul sich aufgerappelt hatte und auf allen vieren stand. Gnade dem armen Cayusen, der beim Sturz ein Bein gebrochen oder sich so verletzt hat, daß er nicht rasch genug aufspringen kann. Wieder und immer wieder attakkiert der wütende Bison das arme Pferd und läßt von ihm nicht ab, so lange sich an diesem noch ein Glied rührt, ein Muskel zuckt. Was sind die aufregendsten Stiergefechte Spaniens gegen solch eine Hetze? "Bosch!" sagt der Türke. "Nichts!" Sieht aber der Büffel schließlich ein, daß ihm all sein Wüten und Rasen nichts hilft, so macht er selbst kehrt und galoppiert, nun selbst wieder vom modernen Zentauren verfolgt, den vorangeeilten Genossen Hals über Kopf nach, um, im Corral angelangt, erschöpft niederzusinken.

Wie maßlos ungestüm und rasend, wie äußerst gefahrvoll und unheildrohend solche Hetze auch sein mochte, die Behandlung der wilden Tiere innerhalb der Hürden war doch noch weit, weit gewagter und lebensgefährlicher. Verhältnismäßig einfach verlief noch die Überführung aus der größeren Hürde neben dem Pend d'Oreilleflusse nach Ravalli. Nur der Transport einiger der wütenderen und bösartigeren Büffel erforderte eine gewisse "Spezialbehandlung". Zunächst trieb man diese Tiere aus der großen Hürde in eine kleinere, die nur einen und zwar recht engen Ausgang hatte. Und diese führte auf einer schrägen Laufplanke in einen geräumigen, nach Art der Lattenkäfige konstruierten Behälter, wie ihn unsere Bild zeigt.

Diese zur Aufnahme von zwei Büffeln eingerichteten Behälter waren aus starken Holzbohlen zusammengezimmert und standen auf einem gewöhnlichen, von vier Pferden gezogenen Lastwagen mit flachem Boden. Der Innenraum konnte durch eine von außen einzuschiebende Holzschrank in zwei hintereinander liegende Stände geteilt werden. Aber obgleich Pablo wirklich keine Latten, sondern kräftige Bohlen genommen hatte, zertrümmerten die ersten auf solche Art verladenen Büffel in ihrer grenzenlosen Wut über diese Einkerkerung den Käfig zu lauter Splittern. Infolgedessen wurden die neuen Käfige aus noch bedeutend stärkeren Bohlen und Balken gebaut und die einzelnen Teile nicht mehr zusammengenagelt, sondern durch Zapfen, Bolzen und Verzinkungen aufs festeste miteinander verbunden. Und solche Behälter widerstanden auch dem Toben der wildesten und stärksten Tiere, so daß diese darin ganz bequem die etwa 70 Kilometer weite Strecke von Pablos Farm zur Bahnstation bis Ravalli transportiert werden konnten. In Ravalli selbst hatte Pablo eine größere Anzahl massiver Hürden errichten lassen, in denen die ankommenden Büffel bis zu ihrer Weiterbeförderung mit der Bahn geführt wurden.

Transport
An Bord

 

Von sämtlichen Prozeduren beim Zusammentrieb und Transport der Büffel war die interessanteste und erregendste, aber auch unzweifelhaft schwierigste und anstrengendste die nun folgende Verladung in die Eisenbahnwaggons des Spezialzuges, den die Nordpacificeisenbahn extra stellte. Zu diesem Zweck wurden von den in den großen Fütterhürden gehaltenen Büffelherden immer zwei Tiere zugleich abgesondert und in die sogenannte Verladungshürde getrieben, von der ein enger Gang direkt zu den Bahnwaggons führte. An seinem Ende wurden zwei Mann postiert, die eine weite, aus einem starken Seil geknüpfte Schlinge hielten, um sie dem in diesem engen Gang getriebenen Büffel so über den Kopf zu werfen, daß sie hinter die Hörner zu liegen kam und von dem Tier nicht wieder abgestreift werden konnte. Aber es war meistens keine Kleinigkeit, die störrischen Büffel soweit zu bekommen, daß sie den engen Gang betraten. Freiwillig ging keiner hinein, sie mußten auch immer erst von den Cowboys, die in der engen Verladungshürde natürlich nicht hoch zu Roß, sondern nur zu Fuß operierten, mit List und Tücke hineingetrieben werden. Das ging selbstverständlich nicht ohne Kreischen, Schreien, Knallen und Schießen ab, und mancher Büffel machte den Treibern tüchtig zu schaffen, ehe es diesen gelang, das störrische Tier in den engen Gang zu dirigieren. Oft genug glaubten die Cowboys schon, gewonnenes Spiel zu haben, während das Tier noch im letzten Moment kurz kehrt machte und mit gesenkten Kopf auf die Treiber losstürmte, die dann blitzschnell auseinander stoben und zum großen Vergnügen der außerhalb des Ladenkorrals befindlichen Zuschauer mit affenartiger Fixigkeit auf die Zäune kletterten, sich manchmal aber auch nur durch einen gewaltigen Schwung oder Sprung darüber hinweg vor den spitzen Hörnern zu retten vermochten.

War es den Leuten aber endlich gelungen, das Tier in den engen Gang zu treiben, und hatten die beiden dort mit der Schlinge postierten Männer diese dem Büffel über den Kopf werfen können, so gab ein lauter Pfiff mehreren jenseits des Waggons befindlichen Leuten, welche dort das andere Ende des quer durch den Waggon gezogenen Seiles hielten, ein Zeichen, das Seil scharf an- und damit die Schlinge fest zuzuziehen. Natürlich nicht allzusehr, um das Tier nicht zu erwürgen. Nun begann ein gar ergötzliches Seilziehen. Der Büffel, durch die vorangegangene Hetze in heller Wut, versuchte "die Maschine rückwärts gehen zu lassen," was ihm freilich nicht gelang. Mann kann sich denken, wie sehr diese vergebliche Anstrengung seine Wut und Erbitterung erhöhte. Vorn und hinten ausschlagend, rückte und bäumte er sich mit aller Gewalt, dem unaufhörlichen Zug am Seil entgegenzustemmen, sprang empor, warf sich wieder nieder - kurzum raste wie toll und verrückt; aber es half ihm alles nichts. Die Leute, die jenseits des Waggons am Seil zogen, ließen nicht locker. Bald gaben sie ein wenig nach, dann zogen sie wieder fest an, kurzum, spielten mit dem vor Wut sinnlosen Tier wie der Angler mit einem schweren Fisch. Schließlich geht aber selbst dem stärksten Büffel einmal die Kraft aus, und sobald sich an ihm ein Teichen der Erschöpfung bemerkbar machte, verstärkten die Leute den Zug am Seil und zerrten so das zwar noch immer störrische, aber mürbe gewordene Tier allmählich in den Waggon, wo es in einem engen Stand so untergebracht wurde, daß es während der Reise nach Kanada keinen Schaden nehmen konnte. Jeder Waggon war zur Aufnahme von acht Büffeln eingerichtet, und die ganze Verladung der bei der ersten Hetze zusammengetriebenen Büffel nahm eine volle Woche in Anspruch. Wie in einem festen Stall wurden die Tiere in diesen engen Ständen gefüttert und getränkt, und nachdem sie sich erst ein wenig an ihr beschränktes Quartier und die ganze Umgebung gewöhnt hatten, legten sie für alles, was sie nicht direkt auf ihre Fütterung und Tränkung bezog, nur ein gemäßigtes Interesse an den Tag.

Um so größer aber war das Interesse, das sie selbst bei der näheren und weiteren Umgebung des Schienenweges, auf dem sie nach Kanada befördert wurden, erregten. Kein Expreßzug, der einen hohen Staatswürdenträger durch die Lande führte, kein Spezialtrain mit einer berühmten Schauspielertruppe oder Menagerie konnte sich in dieser Hinsicht mit dem Büffelzuge während seiner Fahrt von Ravalli nach Wainwright auch nur im entferntesten messen. Kein krankes, kein verhätscheltes oder verzärteltes Kind konnte sich einer sorgfältigeren, aufmerksameren und hingebungsvolleren Wartung und Pflege erfreuen.

Transportwagen
Die Bahn nach Kanada

 

Ebenso interessant und aufregend, wenn auch freilich weit weniger gefahrvoll als das Verladen der Büffel war ihr Ausladen. Zu Tausenden drängten sich die Neugierigen auf der Station längs der Hürdeneinfriedigung, um sich dieses ebenso seltene wie seltsame Schauspiel mit ansehen zu können. Eine Anzahl besonders kräftiger Leute kletterten auf das Dach des Waggons, und einer von ihnen, der mit einen langen, an der Spitze mit einem eisernen Haken versehenen Stange ausgerüstet war, öffnete von oben die Tür. Nachdem er dann mit Hilfe seiner Stange dem zunächst befindlichen Büffel die Schlinge vom Kopf gestreift hatte, wurden die Taue, welche die einzelnen Verschläge zusammenhielten, in gleicher Weise entfernt. Der erste seiner Banden entledigte Büffel - ein gewaltiger Koloß - schnob und witterte anfangs wie ungläubig in der Luft umher. Es schien beinahe, als ob er sich nicht getraue, seinen Kerker zu verlassen, bis er plötzlich unter dem Einflusse des spitzen Eisenhakens, mit dem man ihn von hinten unausgesetzt stieß und stachelte, mit einem gewaltigen Satz aus dem Waggon sprang. Und kaum fühlte er den bekannten Erdboden unter sich, als er, den riesigen Schädel unmutig schüttelnd, mit zornfunkenden Blicken auf die neugierigen Zuschauer losstürmte. Hei, wie diese nach allen Seiten auseinanderstoben! Es wäre ihnen auch wohl schlecht ergangen, wenn der Drahtzaun dem Anprall des Büffelschädels nicht standgehalten hätte. Zwar knarrten und ächzten die Pfosten unter dem furchtbaren Druck, aber sie hielten, und der Büffel bekam beim Anprall einen derartigen Stoß, daß er mehrere Schritte zurückflog und einknickend sich mit Grazie niederließ. Ganz verblüfft blieb er eine Weile so sitzen; als er sich dann aber umschaute und hierbei das saftige Büffelgras erblickte, erhob er sich schwerfällig und begann ruhig, als sei nichts Besonderes vorgefallen, zu grasen.

Bald darauf gesellten sich mehrere seiner Genossen zu ihm, um die fernere Ausladung der Tiere verlief ohne weiteren Zwischenfall, bis plötzlich einer der bejahrtesten Bullen die alte Spur witterte, auf welcher seine Ahnen vor fünfzig Jahren durch die Prärie dahingestürmt waren, und die sich noch heutigen Tages ganz deutlich abzeichnet. Hoch warf er den Kopf empor, stieß ein befriedigtes Brummen aus und galoppierte dann munter und lustig den engen Weg entlang, der von der Stationshürde zu dem Gelände führte, das die kanadische Regierung zum Aufenthaltsortes der Büffel bestimmt hatte. Der mit der Ausführung dieser ganzen Angelegenheit betraute Kommissar hatte den Weg mit Willen so anlegen lassen, und seine Erwartung, daß die Tiere, sobald sie erst einmal die alte Spur aufgenommen hätten, ihr auch gern folgen würden, sollte auch nicht getäuscht werden. Rascher und immer rascher stürmten die Büffel auf diesem Wege dahin, aber es war ein anderer Sturm als damals derjenige von den Hügeln Montanas hinab zum Pend d'Oreilleflusse. Einst ein Orkan der Angst und Wut, nun einer der Freude über die wiedergefundenen alten Weideplätze.

Der erste Trieb, bei dem Pablo der kanadischen Regierung zweihundertundzwei gesunde, unbeschädigte Büffel ablieferte, fand im Mai 1907 statt, und bei dem zweiten im Oktober desselben Jahres stattfindenden Triebe betrug die Anzahl der Büffel hunderteinundneunzig Stück, während dreiundzwanzig so stark beschädigt waren, daß die Kanadier sie zurückwiesen und Pablo infolgedessen über achtzehntausend Mark verlor. Diese beiden ersten Transporte im Gesamtbetrage von dreihunderteinundneunzig Stück - lauter prächtige Exemplare - wurden nach Elk Island Park, Lamont, Alberta übergeführt. Aber es stellte sich sehr bald heraus, das dieses Areal für einen so großen Viehbestand zu klein war. Bei der Suche nach einem geeigneteren Platze entschied man sich schließlich für Wainwright, ein Gelände, das nur 1 Kilometer von der gleichnamigen Station der Grand Trunk Pacificeisenbahn entfernt, also für Touristen vorzüglich gelegen ist. Außerdem aber besitzt es vor vielen andern einen außerordentlichen Vorzug: es gehört zu jenem Gebiete, das vor einem halben Säkulum noch die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Heerstraße der Büffel war. Und in der näheren und weiteren Umgegend des Battleflusses wächst das unscheinbare, jedoch saftige und gerade den Büffeln besonders gut bekömmliche Präriegras. Hier hatte die kanadische Regierung ein Areal von fast 340 000 Quadratkilometer angekauft und dieses gewaltige Gebiet mit einem äußerst festen, mehrfache Drahtzaune umgeben lassen. Dorthin wurden außer der beiden ersten Herden im Juni 1909 noch eine dritte von einhundertneunzig Stück transportiert, und im nächsten Jahre folgte eine vierte von sechsundvierzig Büffeln, während Pablo im Oktober 1910 nur noch achtundzwanzig Stück abliefern konnte. Im ganzen hat die kanadische Regierung ihm also sechshundertsiebenundfünfzig (657) gesunde, kräftige Büffel abgekauft und dafür das nette Sümmchen von rund 525 000 Mark gezahlt.

Obgleich ohne jegliche Zähmung sind die gigantischen Tiere verhältnismäßig umgänglich und lenksam; nur zur Brunftzeit kann eine Kleinigkeit sie in die größte Wut und Wildheit versetzen. Das ihnen der Aufenthalt in ihrer jetzigen Heimat übrigens nach jeder Richtung hin gut bekommt, beweist wohl am besten der andauernd vorzügliche Gesundheitszustand der Tiere. Sie vermehren sich ständig, und man hofft, das der Bestand in einigen Jahren auf fünftausend Stück angewachsen sein wird.

Freund Pablos Büffelbesitz ist mit den 657 Tieren keineswegs erschöpft; noch etwa zwanzig Stück machen die Schluchten der Indianer Reservation Montanas unsicher. Aber obgleich Pablo auch sie gern den Kanadiern verkaufen möchte, ist seine Hoffnung auf dieses Geschäft doch nur sehr minimal. Denn der Charakter jener Büffel ist so wild, so wütend, und die Gefahr bei einem Versuche, sie lebend einzufangen, so groß, daß Pablos Hoffnungslosigkeit durchaus berechtigt erscheint. Da die Vereinigten Staaten sich nun nach dem Dutzend Büffel aber kaum mehr sonderlich reißen werden, und Pablo wiederum durchaus abgeneigt sein dürfte, diese letzten Reste dem guten Onkel Sam für ein Butterbrot zu verkaufen, so kommt vielleicht in Bälde noch eine Büffeljagd nach altem Stil zustande. Wer von unsern Leser hält da mit?

Der König einer ausgestorbenen Rasse

Quelle: Das große Weltpanorama, Verlag W. Spemann, 1912, von rado jadu 2001


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